Bw05-Wozu ich 200PS in einem Motorrad brauche?

Klar, 200 PS im Motorrad braucht kein Mensch, mal abgesehen davon, daß nur ganz wenige mit einer solchen Leistung im Grenzbereich umgehen können – wenn aber derartig ausufernde Leistungen von jemandem kritisch hinterfragt werden, der dafür verantwortlich ist, daß in seinem Blatt seit Jahrzehnten die Leistung von Motorrädern absolut im Vordergrund steht, dann sehe ich mich genötigt, nach vielen „MOTORRAD-Fehlgriffen“, die ich immer wieder unkommentiert habe stehen lassen, jetzt doch etwas dazu „loszulassen“…

ich habe also diesen Leserbrief an „MOTORRAD“ geschickt, rechne aber nicht mit einer Reaktion…

Lieber Chefredakteur Michael Pfeiffer,

peinlich, peinlich: Ich erwische mich immer wieder dabei, „MOTORRAD“, die Einäugige unter den blinden Motorradzeitschriften zu erstehen…

Und immer, wenn ich eine der sogenannten Fachzeitschriften in Händen halte, bin ich irritiert ob des vielen Unsinns, der uns Motorradleuten da vorgesetzt wird!

Natürlich auch von euch:

Da bittet ein Herr Pfeiffer im Editorial 23/2019 um eine Erklärung, wozu er 200PS in einem Naked Bike braucht – kann er haben:

Solange alle Motorrad-Blättchen, allen voraus ihr, Stammtischwerte bevorzugen wie:

  • astronomische Leistungsspitzen bei astronomischen Drehzahlen
    ( die maximal auf Rennstrecken genutzt werden können ), –
  • maximale Beschleunigungswerte
    ( die auch Könner erst nach mehrmaligen Fehlversuchen, verbrannten Kupplungen, durchdrehenden Hinterrädern oder angsterregenden wheelies ) hinbekommen, 
  • unsinnige Elastizitätsangaben
    (die nur über viel zu kurze Übersetzungen erreicht werden) 
  • Motorräder Tourenmotorräder zu nennen
    (die ihr Leistungsmaximum bei 11 000 1/min erreichen, deren maximales Drehmoment nur 1000 1/min darunter liegt und deren Motor bei 100km/h 6500 1/min dreht)

Solange ihr nicht begreift oder versteht, daß

  • mindestens 90% aller Motorradfahrer bei mindestens 90% aller Fahrsituationen sich im unteren Drittel des möglichen Drehzahlbereichs befinden.
  • Drehmoment sowohl überlegenes Beschleunigen als auch überlegenes und ruhiges Reisen ermöglicht.
  • Leistung nur für v max, extreme Überholvorgänge und Rennstreckenbetrieb bei höchsten Drehzahlen von Bedeutung ist.
  • Hohe Leistung nur über hohen Kraftstoffverbrauch, hohe Drehzahl, hohen Verbrauch und hohen Verschleiß zu haben ist.
  • bei euren „Tests“ irreführenderweise so gut wie immer der Leistungsstärkere gewinnt
  • die 10% „Leistungsfetischisten und Krachmacher“ (deren Reifenflanken sich nicht selten in jungfräulichem Zustand befinden) den kleinsten Teil eurer Klientel ausmachen.

Solange ihr also die wahrscheinlich verkaufsfördernde, aber in jeder Hinsicht unsinnige Leistungsschraube weiterdreht, genau so lange

  • wird die Industrie 200PS-Motorräder entwickeln, 
  • werden die meisten Käufer dieser Apparate weit davon entfernt sein, deren Leistungsvermögen auch nur im Ansatz zu nutzen
  • haben nicht wenige dieser Käufer schreckliche Unfälle vor sich
  • tragen u.a. solche Motorräder zu den allseits bekannten Vorurteilen bei
  • verbrauchen Motorradmotoren in Relation zu Automobilmotoren wesentlich zu viel Kraftstoff
  • tragt ihr zu einem immer schlechteren Standing des Motorrads in der Gesellschaft bei.

Daß Automobilzeitschriften hier zum Teil gegensteuern, ist aller Ehren wert.

Und nachdem ihr die AMS ja im selben Haus habt und diese oft genug auf diversen Ebenen kopiert, könnt ihr ja diesbezüglich auch mal einen Blick zu diesen Mädels und Jungs werfen…

Wobei die ebenso wie ich auch in’s Schwärmen kommen, wenn’s mal über 500PS geht.

Wir sind halt alle immer wieder schwach und angreifbar, gell, Herr Pfeiffer!?

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Dimter

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